Wir freuen uns auf spannende Diskussionen mit Sonja Hofmann (Lateinamerika-Zeitung Matices, Kunsthochschule für Medien Köln, Kölner Film Gesellschaft) und Sven Pötting (Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler an der Uni Köln, kinolatino.de) und unseren Gästen.
Zu den Vorführungen von "Novena" und "Kahlschlag" dürfen wir die Regisseure Enrique Collar und Marco Keller in Osnabrück begrüßen.
Vistas Latinas
Neues Kino aus Lateinamerika
Ins dritte FilmFest-Jahr geht Vistas Latinas, unser Blick auf das aktuelle lateinamerikanische Kino. Vistas Latinas vermittelt einen Eindruck von der Vielschichtigkeit dieses faszinierenden, filmischen Kontinents. Erstmals wird es auf dem FimFest ein Panel zum lateinamerikansichen Film geben.
También la lluvia (Sogar der Regen)
Freitag, 14.10.11, 20.00 Uhr
Filmtheater Hasetor, Vistas Latinas
Spanien/Frankreich/Mexiko 2010, 35mm, 104 Min.
Spanisch mit deutschen Untertiteln
Regie Icíar Bollaín
Der junge idealistische Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) reist mit seinem Filmteam nach Cochabamba (Bolivien), um dort einen Film über die Entdeckung Amerikas und das an den Ureinwohnern verübte Unrecht zu drehen. Er will zeigen, was Kolumbus wirklich in Gang gesetzt hat: Gier nach Gold, Sklavenhandel und entsetzliche Gewalt gegen Ureinwohner. Doch während der Dreharbeiten drohen soziale Unruhen, die das Filmteam auf eine schwere moralische Probe stellen. Die Wasserversorgung der Stadt ist privatisiert und an einen britisch-amerikanischen Konzern verkauft worden. Täglich kommt es zu militanten Aktionen, die schließlich im April 2000 in den ›Wasserkrieg in Cochabamba‹ münden. 500 Jahre nach Kolumbus kommt es erneut zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen der indianischen Bevölkerung und einer hochgerüsteten modernen Armee. Aber diesmal geht es nicht ums Gold. Diesmal geht es um ein flüssiges Menschenrecht: Wasser.
Der spannungsreiche, hochkarätig besetzte und vielfach ausgezeichnete Film bringt nicht allein die Ereignisse um die ›Guerra del agua‹ auf überzeugende Weise in Erinnerung, er stellt auch grundsätzlich die Frage nach sozialer Verantwortung und der Notwendigkeit individuellen Engagements.
Novena
Samstag, 15.10.11, 17.30 Uhr
Lagerhalle, Vistas Latinas
Paraguay/Niederlande 2011, 35mm, 96 Min.
Originalfassung mit englischen Untertiteln
Regie Enrique Collar
Nur wenige Spielfilme werden in Paraguay produziert. Umso erfreulicher ist ›Novena‹, ein fast
ganz in Guaraní-Sprache vertontes cineastisches Meisterwerk aus dem ›Inneren Paraguays‹.
Der Film ist wie die titelgebende katholische Trauernovene in neun Tage des Fürbittens unterteilt und porträtiert den langsamen inneren Abschied des sehr ärmlich auf dem Lande lebenden Juan von seiner verstorbenen Mutter. Juan ist Poet und Guaraní-Mestize, jener Volksstamm, der den größten Teil der Bevölkerung Paraguays ausmacht. Die Geschichte dieses sich für seine Familie aufopfernden Mannes ist so einfach wie mitreißend und steht sowohl für sich, wie für viele andere Schicksale im Land. Sie erzählt von täglichen Geldnöten, von Alkoholismus, Verzweiflung und Emigration, aber auch von Menschlichkeit, Würde und von (kunsthandwerklicher) Geschicklichkeit im Kampf um Selbstbehauptung.
Jedoch nicht allein die einfühlsame und fast wortlose Psychologie macht ›Novena‹ zu einem besonderen Kinoerlebnis. Der Film besticht ebenso durch die exzellente Fotografie und Kameraführung sowie durch die Zeit, welche er sich zur Entfaltung seiner kunstvollen Komposition
nimmt.
Karen llora en un bus
Samstag, 15.10.11, 20.00 Uhr
Haus der Jugend, Vistas Latinas
Kolumbien 2011, 35mm, 98 Min.
Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Regie: Gabriel Rojas Vera
Nach zehn Jahren Ehe verlässt Karen ihren Mann. Eigentlich, so wird sie ihm später sagen, haben sie nie zueinander gepasst. Sie will ihr Leben neu gestalten, herausfinden, wer sie ist oder noch sein könnte. Mehr noch als emotionale, wirft dieser Schritt erst mal lebenspraktische Fragen auf, denn Karen hat keinen Job, keine Freunde, kaum Geld. Sie schlägt sich durch und lernt in der Absteige, in der sie gelandet ist, die Friseurin Patricia kennen. An der Seite der jüngeren und auf den ersten Blick stärkeren Freundin macht Karen ihre ersten Schritte in die Unabhängigkeit. Eine Frau auf dem Weg zu sich selbst. Welche Sehnsucht treibt sie? Wann ist man eigentlich bei sich selbst? Wie leicht ist es, das, was andere erwarten, mit dem zu verwechseln, was man selbst will? Wie viel Alleinsein hält man aus, wann hört man auf, Kompromisse zu machen für eine herkömmliche Vorstellung von Sicherheit und Stabilität?
Gabriel Rojas Vera richtet in seiner Beschreibung der kleinen Schritte, die Karen macht, seinen
Blick mehr auf das Innere seiner Figur als auf das äußere Drama. Mit großer Sympathie für seine
Figuren erzählt er eine kleine Geschichte, die große Fragen berührt.
El Hombre de al lado
Sonntag, 16.10.11, 15.00 Uhr
Filmtheater Hasetor, Vistas Latinas
Argentinien 2009, 35mm, 110 Min.
Originalfassung mit englischen Untertiteln
Regie Mariano Cohn, Gastón Duprat
Leonardo lebt mit seiner Familie in einem schicken Le Corbusier-Haus in Ciudad de la Plata, das er sorgfältig restauriert und eingerichtet hat. Für den Professor und Stardesigner von internationalem Rang wäre das Leben perfekt, wenn da nicht Víctor – der ›Mann von Nebenan‹ – wäre. Denn eines Morgens nimmt die Routine und Ruhe des Hauses ein jähes Ende, der ohrenbetäubende Lärm eines Vorschlaghammers dringt aus dem Nachbarhaus. Víctor, ein unprätentiöser Autohändler, lässt illegal ein Fenster in der Wand zwischen den beiden Grundstücken schlagen, um mehr Sonnenlicht zu haben. Das kann der Ästhet Leonardo schon allein aus architektonischen Gründen nicht akzeptieren. Und hinzukommt: Víctor repräsentiert für ihn alles, was er zutiefst ablehnt: Er ist grobschlächtig, laut, körperbetont, hat keinen Geschmack, liebt das Obszöne. Eine andere Welt, die Leonardo möglichst weit verbannen möchte.
Präzise und mit subtilem Humor inszenieren Gastón Duprat und Mariano Cohn diesen Nachbarschaftsstreit, der von seinen hervorragend gespielten Charakteren lebt. ›El hombre
de al Lado‹ ist in gewisser Weise ein Architekturfilm, aber vor allem ein bissiger Film gegen die
Versnobtheit der argentinischen Oberschicht.
Kahlschlag
Sonntag, 16.10.11, 17.30Uhr
Lagerhalle, Vistas Latinas
Deutschland/Brasilien 2011, Blu-ray, 98 Min.
Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Regie Marco Keller
Brasilien – das ewige ›Land der Zukunft‹ (Stefan Zweig) – ist international wieder im
Gespräch. Selten hat das Land wirtschaftlich solch glückliche Zeiten erlebt wie im vergangenen Jahrzehnt - nicht zuletzt wegen seiner erfolgreichen exportorientierten Agrarindustrie. Doch scheint die Schattenseite dieser Entwicklung aus dem Blick zu geraten: die mit atemberaubendem Tempo voranschreitende Umwandlung von Wäldern in Agrarfläche und die gleichzeitige Vertreibung der dort ansässigen Indios. Darauf wirft die Dokumentation ›Kahlschlag‹ ihr Augenmerk. Regisseur Keller reiste in verschiedene Landesteile Brasiliens und stieß überall auf das gleiche Bild: ehemals unberührte Naturräume, die einen desolaten Eindruck machen, und indianische Gruppen, die verzweifelt um ein Land kämpfen, das sie seit ungezählten Generationen im Einklang mit der Natur bewohnten. Im Film sprechen sie von ihrem Schicksal, der Ausbeutung, der Zerstörung ihrer Natur, der Ansiedlung multinationaler Agrargroßkonzerne, aber auch von ihrem Widerstand gegen die Umstände ihres momentanen Daseins. Aufgezeigt werden nicht allein die Fehlentwicklungen, der Film weist auch auf mögliche Lösungen.





