Die Preise 2011

Die jüngste deutsche Geschichte bewegte die Gemüter beim diesjährigen Unabhängigen FilmFest Osnabrück: Die Berliner Regisseurin Annekatrin Hendel war mit „Vaterlandsverräter“, ihrem Portrait des DDR-Schriftstellers Paul Gratzik, für den Wettbewerb um den mit 5000 Euro dotierten Friedensfilmpreis der Stadt Osnabrück nominiert worden – und hatte die Jury überzeugt:
 

Während der festlichen Preisverleihung wurde die Regisseurin für ihren Film mit dem Preis geehrt, der von der VR-Stiftung der Volks- und Raiffeisenbanken in Norddeutschland und der Volksbank Osnabrück gestiftet wurde.
Vier weitere Preise wurden zum Abschluss des FilmFests vergeben: Der Filmpreis für Kinderrechte in Höhe von 2.000 Euro, gestiftet vom Fachbereich für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Osnabrück, wurde der kolumbianischen Produktion „Pequeñas Voces“ verliehen. Der Ernst Weber-Filmpreis für Solidarität, dotiert mit 1000 Euro, ging an den Film „Morgen“ des rumänischen Regisseurs Marian Crişan. Eine Jugend-Jury entschied sich dafür, den Filmpreis für Zivilcourage des Landkreises Osnabrück - ebenfalls mit 1000 Euro ausgestattet - an den britischen Kurzfilm „Dip“ zu vergeben. Der mit 500 Euro dotierte Publikumspreis für den besten internationalen Kurzfilm, vom Studierendenparlament der Universität Osnabrück gestiftet, ging an die spanische Produktion „Matar a un Niño“ der Brüder César und José Esteban Alenda.

Ihre Entscheidung, dem deutschen Film „Vaterlandsverräter“ den Friedensfilmpreis zu verleihen, begründete die Jury mit den Worten: „Der Film macht in überzeugender Weise deutlich, wie sehr die politischen und gesellschaftlichen Strukturen in der ehemaligen DDR die dortige Künstler- und Literatenszene durch gegenseitige Bespitzelungen beeinflussten“. Auch in formaler Hinsicht gebühre dem Preisträger-Film Lob. Die Stimmigkeit der Drehorte und die filmische Umsetzung der Motive trügen zur herausragenden ästhetischen Gesamtleistung bei. Die großartige Kameraarbeit, sowie die Musik und Montage machten „Vaterlandsverräter“ zu einem Kinoerlebnis. Udo Herz vom Vorstand der Volksbank Osnabrück eG, freute sich, den mit 5.000 Euro dotierten Preis, der zur Hälfte an die Produktion, zur anderen Hälfte an den Verleih des Preisträgerfilms geht, Jürgen Pohl vom Filmverleih Edition Salzgeber überreichen zu können. „Wir betrachten es als unseren kulturellen Auftrag, den Friedensfilmpreis zu fördern. Daher statten wir den Preis bereits zum sechsten Mal mit dem Preisgeld aus - auch wenn jetzt ein Film ausge-zeichnet wird, in dem die Banken- und Finanzwelt vom Hauptdarsteller zum Feindbild erklärt wird“, erklärte Herz. Dieser Bereitschaft zollte die Regisseurin in ihrer Grußbotschaft besonderen Respekt. Außerdem dankte sie den Veranstalter: „Kein anderes Filmfestival Deutschlands bietet solch eine spezielle Palette an politischen Filmen.“

„Little Voices“ ist der englische Titel des kolumbianischen Films „Pequeñas Voces“, dem der Filmpreis für Kinderrechte in Höhe von 2.000 Euro verliehen wurde. Die Schülerjury war spontan von dem Animationsfilm beeindruckt, der Kinderschicksale im kolumbianischen Bürgerkrieg zum Thema macht: „Der Mix aus Kinderbildern, Computeranimierten Hauptfiguren und authentischen Audioaufnahmen spricht die Emotionen an, ohne die eigene Vorstellungskraft zu schmälern“, so die 14jährigen Junior-Juroren. Der Film thematisiere Kinderrechte allgemein, bilde aber auch auf ganz unkonventionelle Weise das Leben von Kindern in Kolumbien ab. In einer Videogrußbotschaft verband Regisseur Jairo Carillo seinen Dank mit der Hoffnung, dass die Präsenz seines Films in Deutschland dazu beitrage, den mehr als einer Millionen vertriebenen Kindern in Kolumbien Aufmerksamkeit und Hilfe zukommen zu lassen.

Nach intensiver und konstruktiver Beratung hatte die Jury des Ernst Weber Filmpreises für Solidarität den Film „Morgen“ aus fünf Nominierten ausgewählt. Die Produktion des rumänischen Regisseurs Marian Crişan ist eine humorvolle Parabel über Politik und Ökonomie, über Freundschaft und das verrückte Verlangen nach einem besseren Leben. „Subtil und gerade deshalb eindrucksvoll zeigt er ein Beispiel für gelebte Solidarität. Es sind ganz leise Töne, die dennoch sehr authentisch die Geschichte eines ungleichen und erst langsam wachsenden Zusammenhalts beschreiben“, so die Jury.

Erfreut zeigte sich Simon Lewis, der britische Drehbuchautor des Kurzfilms „Dip“, über das Votum der Jugendjury, die den Film von Lisa Gornick mit dem Filmpreis für Zivilcourage des Landkreises Osnabrück ehrte. „Wir können und müssen voneinander lernen“, fasste er die Quintessenz des Films zusammen, der das Aufeinandertreffen eines Kleinkriminellen und eines somalischen Immigranten in einem Londoner Nachtbus schildert. „Das Spiel der beiden Hauptdarsteller ist eindringlich und überzeugend - aus Gegnern werden Kameraden. Die beiden Hauptdarsteller treten mutig füreinander ein und zeigen Courage. Die düstere Stimmung wird durch die Kameraführung untermalt, überrascht aber immer wieder durch unvorhersehbare Wendungen“, begründete die Jury ihre Entscheidung.
Das Publikum des Unabhängigen FilmFests Osnabrück kürte die spanische Produktion „Matar a un Niño“ der Brüder César und José Esteban Alenda zum „besten internationalen Kurzfilm“. Das innovativ gedrehte Kurzepos über einen Jungen, dessen sorgloses Leben sich an einem Sonntagmorgen schlagartig verändert, war von den Zuschauern aus 34 präsentierten Filmen ausgewählt worden.

Rita-Maria Rzyski, Stadträtin der Stadt Osnabrück, hob in ihrer Rede die Bedeutung des FilmFests und der verliehenen Filmpreise hervor: „Die Stadt ist dankbar für das Engagement der Veranstalter, vor allem auch junge Leute mit dem Medium Film vertraut zu machen. Sehen lernen wird hier möglich gemacht.“
Veranstaltungen wie der cineastischen Stadtrundgang „A Wall Is A Screen“ und das Stummfilmkonzert in der Johanniskirche, in der der historische Paul Wegener-Film „Der Golem, wie er in die Welt kam“ mit Live-Musik vertont wurde, sorgten neben den Filmprogrammen in den drei Aufführungsorten für große Resonanz und begeisterte Zuschauer.

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